Julien Baker ist mutig

Julien Baker ist mutig

Allein steht sie dort oben auf der Bühne des Binuu in Berlin Kreuzberg, stellt sich das Mikro etwas weiter nach unten, die E-Gitarre hängt kurz nach Orlando an einem regenbogenfarbenem Schultergurt. Mutig ist sie, weil sie nicht wie viele andere durch den Schmerz anderer lebt, sondern weil sie ihren Schmerz teilt, mit diesen knapp hundert Menschen in diesem Club.

Sie wirkt etwas affektiert, schauspielernd, als sie ihre melancholischen Songs performt, zu jedem Satz das passende Gesicht und sich zwischen coolen Sprüchen zwischen Songs Tränen aus dem Gesicht wischt, so als wäre es ihr peinlich, um Konzentration ringend für den nächsten Kraftakt, den nächsten Song.

Wenn wir uns aussuchen könnten, zu welchen Momenten in unserem Leben wir zurückreisen könnten, die meisten würden nicht die Momente aussuchen, in die uns Julien Baker mit ihren Liedern zerrt, denn sie schmerzen und machen wahnsinnig klein, aber dann auch wieder wütend und in dieser Wut unglaublich stark.

Julien Baker ist mutig, weil sie sich mit jedem Song dort oben auf der Bühne eine weitere Schicht des emotionalen Inneren abschält, immer eine weitere dieser Schichten, die uns sonst so für den Alltag bereit machen und alle Widrigkeiten an uns abprallen lassen.

Souverän zieht sie das durch und hat den Respekt des Publikums auf ihrer Seite, manche mit gebanntem Blick auf die Bühne, andere bei bestimmten Zeilen nachdenklich auf den Boden sehend und dann wieder schmunzelnd, wenn sie nach einem Lied verspricht, dass noch ein paar fröhlichere Songs kommen und dann lachend sagt, dass das wohl doch gelogen gewesen sei.

Julien Baker erinnert einen mit ihrem Auftritt wieder daran, wie Scheiße sich manches anfühlt, und das man das verdrängen oder einfach auch mal rausschreien kann. Sie erinnert einen daran, dass in einen kleinen Club zu einer unbekannten Singer-Songwriterin zu gehen eine verdammt gute Entscheidung sein kann.

Danke, Julien Baker, dass du Schmerz in diesen Dienstagabend gebracht hast, denn es war ein inspirierender Schmerz, der einem einen Spiegel vorhält, in den man sonst oft nur für Oberflächlichkeiten schaut und sich schnell abwendet, wenn man sich bei einem Blick hinein mal wieder nicht mag. Ich hoffe dein Schmerz und deine Selbstzweifel gehen nicht weg, denn du kannst so wunderschön darin baden.

Header-Bild: Screenshot aus dem Video

Anm.d.R.: Beitrag ursprünglich erschienen am 15. Juni 2016

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