Was nützt die Geisteswissenschaft in Gedanken?

Geisteswissenschaftler sind Kritiker, Aufklärer und Sinnsucher. Sie stellen in Frage, konstruieren Theorien und interpretieren alles, was ihre überreizten Nerven aufnehmen können. Sie unternehmen Zeitreisen mit Hilfe von historischen Dokumenten und Romanen. Sie holen verstorbene Denker aus ihren Gräbern und testen deren Gedanken an der heutigen Zeit. Diese Kulturnerds schwimmen ihre Bahnen durch Belletristik, Sach- und Popliteratur.

Wenn du zu dieser Gruppe oft missverstandener Geister gehörst und dich immer noch fragst, wie du in dieser Welt einen Fuß auf den Boden bekommst, dann bist du hier richtig.

Should I stay or should I go?

Wenn dein Studium beendet ist, musst du dich für einen Weg entscheiden: Entweder für die mittlerweile fast ängstlich beäugte akademische Sackgasse, in der eine Tortur unsicherer und befristeter Stellen an der Hochschule auf einen wartet. Oder du stolperst aus dem Elfenbeinturm heraus und machst dich wie ein Hobbit auf eine lange Reise in Richtung unbekannte Realität namens Arbeitsmarkt und freie Wirtschaft. Aber dort weiß niemand, dass es dich gibt und alle – nicht zuletzt du selbst – unterschätzen deine Fähigkeiten. Da hilft erstmal nur Bewerbungen zu schreiben, für alles, was irgendwie ins Profil passt, und in Vorstellungsgesprächen Erfahrungen zu sammeln.

Vor kurzem hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei einer Firma, die Software für Krankenhäuser programmiert, verkauft und betreut. Bei der Stelle als Consulter ging es um die Betreuung der Software vor Ort in den Krankenstationen oder Altersheimen, in denen sie zum Einsatz kommt. Ein totaler Quereinstieg für mich als Literatur- und Sozialwissenschaftler. Es war das erste Angebot, dass ich nicht über eine Stellenanzeige bekommen hatte. Der Kontakt kam über eine Kollegin meiner Freundin zustande, wodurch das Gespräch inoffiziell verabredet wurde und sehr locker ablief. Das machte es mir leichter, denn Bewerbungsgespräche sind nicht meine Stärke.

Die Frage zu meinem Studium traf mich unerwartet und überraschend: „Geisteswissenschaften, ah ja. Und was macht man damit?“ Ich müsste es eigentlich wissen, weil ich zehn ganze Jahre studiert habe. Mich ergriff eine Mischung aus Rechtfertigungsdruck und Erklärungsnot. Ich versuchte mich an die ganzen Ratgebertipps und Onlineartikel zu dem Thema zu erinnern, denn aus meinem Studium fiel mir kein Seminar ein, das mich auf diese Frage vorbereitet hätte. Da ich denke, dass es vielen Studierenden der Geisteswissenschaften ähnlich geht, will ich versuchen sie hier zu beantworten.

 

 

„Geisteswissenschaftler arbeiten vor allem exemplarisch, nicht enzyklopädisch“

               Prof. Dr. Matthias Stickler, Würzburg

 

Nun sag, wie hast du’s mit der Wissenschaft?

Geisteswissenschaften grenzen sich je nach Definition von den Natur- und Sozialwissenschaften ab. In anderen Ländern heißen sie Humanities, sciences humaines oder liberal arts. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften geht es bei ihnen aber weder um wiederholbare Experimente, noch um reines Fachwissen. Es geht um Methoden des Verstehens, die auf wechselnde, immer wieder aktuelle Sachverhalte angewendet werden können. Man könnte sagen, Geisteswissenschaftler ordnen Ereignisse des vergangenen und stetig voranschreitenden Zeitstroms nach den Kriterien eines bestimmten wissenschaftlich-kulturellen Blickwinkels. Bei so komplizierten und allgemein gehaltenen Definitionsversuchen ist die Frage nach den beruflichen Tätigkeitsfeldern und dem Nutzen für ein Unternehmen durchaus berechtigt.

Zu wissen, warum Hemingway ein guter Schriftsteller ist, obwohl Kritiker immer wieder bemängelten, dass er mit seinen kurzen einfachen Sätzen Literatur für die Leute von der Straße schrieb, ist wohl keine passende Erklärung. Genauso wenig den Unterschied zwischen Moderne und Modernität zu kennen. Oder die Grundzüge der Negativen Dialektik von Horkheimer und Adorno.

Was nützt die Geisteswissenschaft in Gedanken?
“LV Hörsaal C1_05_univie” von Universität Wien Lizenz: CC BY-NC 2.0

Weder Hemingway noch Kritische Theorie sind aktuell. In einem Unternehmen wird man in den meisten Fällen nicht dafür bezahlt, amerikanische Schriftsteller oder Sozialphilosophen zu lesen. Fachwissen kann in einigen Fällen wichtig sein, aber kaum eine Firma sucht Fachidioten für literarische oder soziologische Strömungen des 20. Jahrhunderts. Sie wollen konkrete Fähigkeiten, Erfahrung und social skills. Aber wie erklärt man das am besten?

Sorry, aber das war eine ganz schlechte Woche

Anscheinend habe ich den Dreh noch nicht richtig raus, denn von den 75 Bewerbungen, die ich in den letzten elf Monaten online verschickt habe, führten 45 zu Absagen, 17 wurden gar nicht beantwortet. Von nur vier Unternehmen wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich schaffte es zeitweise auch auf zehn oder 15 Bewerbungen im Monat, je nachdem, was ich in den Stellenbörsen fand. Eine zum Teil sehr deprimierende Angelegenheit, insbesondere bei den immer gleichförmigen wenn auch höflichen Ablehnungen, die dennoch alle nur wie ein „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ an meinem Selbstbewusstsein kratzen.

Dabei habe ich mich natürlich nicht nur für Traumjobs beworben. Es waren auch Stellen dabei, bei denen es um Produktbeschreibungen für einen Kinderbekleidungsonlineshop, um Restaurantreservierungen oder Tarifvergleiche ging. Da zählen praktische Erfahrung im Schreiben von SEO-Texten und kreative Ideen: 20 Babystrampler dürfen genauso wie unzählige italienische Restaurants in Deutschland nicht alle gleich betextet werden. Bei beiden Gesprächen musste ich einen Praxistest absolvieren. Beide Male hat es nicht gereicht, obwohl die Resonanz erstmal positiv war.

Was kannst du? Jetzt mal konkret

Es geht darum, den großen Haufen im Studium erlernter Fähigkeiten einzuschmelzen und in klare Begriffe zu gießen. Was Studierende aller Studienrichtungen in ihrem Können vereint, ist eine solide wissenschaftliche Ausbildung: Die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte kurz und verständlich darzustellen und vor Publikum zu präsentieren. Es soll aber ersichtlich werden, was Geisteswissenschaftler von Biologen, Psychologen oder Informatikern unterscheidet.

Studierende oder Absolventen, die wie ich eher forschungs- als anwendungsorientiert studiert haben und erst spät ein Praktikum absolviert haben, soll dabei ein erster Überblick helfen. Denn selbst wer „nur“ studiert hat, hat bereits einiges gelernt:

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In einem Leitfaden, der in Zusammenarbeit der Uni Würzburg und der IHK Mainfranken entstand, werden Geisteswissenschaftler als flexible Generalisten charakterisiert.

Prof. Dr. Alfred Forchel, Präsident der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, umschreibt die spezifischen Eigenschaften von Geisteswissenschaftler folgendermaßen: „Geisteswissenschaftler bestechen angesichts der immer kürzer werdenden Halbwertzeit von einmal erlerntem Fachwissen durch ihre charakteristische Kompetenz der selbstständigen Wissensaneignung und -vermittlung. Sie analysieren (globale) Entwicklungen aus verschiedenen Blickwinkeln und tragen so zum Verständnis menschlichen Handelns, von Sprachen und Kulturen bei.“ Damit betont er die Fähigkeit, neue Wissensgebiete selbstständig erschließen zu können, sowie den geschulten Perspektivwechsel über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg.

Für Unternehmen wird das zum Beispiel wichtig, wenn es darum geht Kommunikationsstrategien zu erstellen, sich von anderen Firmen im selben Bereich abzugrenzen, bei einer Neuordnung der Produktpalette oder der Darstellung von angebotenen Inhalten.

Dieter Pfister, Präsident der IHK Würzburg-Schweinfurt, fügt dem hinzu: „Die Absolventen der geisteswissenschaftlichen Disziplinen erwerben neben dem Fachwissen auch zahlreiche Schlüsselqualifikationen wie etwa interkulturelle Kompetenz und eine exzellente schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit.“

Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Textformen ermöglicht Geisteswissenschaftlern eine breite Palette an Ausdrucksformen zu nutzen: Dies befähigt sie dazu Inhalte in unterschiedlichste Formate wie Pressemitteilungen, Blogeinträge oder Facebook- und Twitterposts umzuwandeln. Dadurch sind sie in Online-Redaktionen, im Social-Media-Bereich, genauso wie in der Unternehmenskommunikation einsetzbar.

Durch ihre hohe Sprachkompetenz beherrschen sie nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch den Umgang mit einer oder mehreren Fremdsprachen. Diese interkulturellen Fähigkeiten sind eine wichtige Grundlage für Unternehmen auf den europäischen und internationalen Märkten. So können sie kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden, Anknüpfungspunkte entwickeln und so zur Kommunikationsschnittstelle zwischen Unternehmen, Kunden und Konsumenten werden.

Der geschulte Umgang mit verschiedenen Textformen und die hohe Sprachkompetenz spielen also eine wichtige Rolle bei der Kommunikation von Unternehmen, in der Innen- sowie Außendarstellung, in sozialen Netzwerken und als Schnittstelle zu Medienvertretern.

Ein gutes Beispiel, wie man sich als Geisteswissenschaftler präsentieren kann, liefert eine Germanistin, die einen eigenen Blog über sich und ihre Fähigkeiten erstellt hat: work-with-vanessa.de.

Endstation Arbeitslosigkeit?

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) führt Geisteswissenschaftler unter der Kategorie Berufsordnung 882. Diese beinhaltet zum Beispiel Absolventen der Sprachwissenschaften wie Germanisten, Romanisten oder Anglisten, sowie Philosophen und Historiker, aber auch Archäologen und Theaterwissenschaftler.

In einem Bericht der Arbeitsagentur von 2013 wurde dem beruflichen Teilarbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker zwar eine positive Entwicklung attestiert, stelle sich aber nicht unproblematisch dar.

Einer Statistik der Arbeitsagentur zufolge (S.93) waren 2013 4.400 Geisteswissenschaftler arbeitslos gemeldet. Zwar waren das sieben Prozent mehr als im Jahr davor, auf einen Zeitraum von zehn Jahren gesehen ist dabei aber ein Rückgang der Arbeitslosigkeit bei dieser Berufsgruppe um 40 Prozent zu verzeichnen. Im Schnitt dauert es 12 Monate für Geisteswissenschaftler um einen Job zu bekommen – oder um als langzeitarbeitslos eingestuft zu werden.

Besonders beim Berufseinstieg gebe es dem Bericht zufolge Probleme, da sich Stellenangebote relativ selten direkt an Geisteswissenschaftler richteten. So sei es wichtig, sich ein Qualifikationsprofil durch praktische Erfahrungen zu erarbeiten. Wenn man die Bandbreite der Tätigkeitsfelder für Geisteswissenschaftler (IAB-Publikation, S.51) betrachtet, ergibt sich dagegen ein sehr großes Spektrum an Einsatzmöglichkeiten und potentieller Ansprechpartner für Praktika.

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Genauere Informationen zu Inhalten und Anforderungen der einzelnen Berufsfelder können im Leitfaden nachgelesen werden.

Chancen nutzen

In Ratgebern wird oft der Tipp gegeben, im eigenen Bekanntenkreis offen mit der Arbeitssuche umzugehen. So eröffnete sich mir die Möglichkeit einer freiberuflichen Mitarbeit als SEO-Texter – aus der schlussendlich doch nichts wurde – und das Bewerbungsgespräch für den Quereinstieg als Consulter. Aber auch beim Amt könnt ihr Unterstützung bekommen.

Wer beim Jobcenter als arbeitssuchend gemeldet ist, hat die Möglichkeit, neben den Leistungen vom Amt (höchstens) sechs Wochen unentgeltlich bei einem Arbeitgeber Probe zu arbeiten. Selbst wenn daraus keine feste Anstellung wird, kann man so praktische Erfahrungen sammeln. Zwar ist es bei HartzIV-Bezug auch möglich Praktika zu absolvieren, diese müssen aber seit Januar alle mit Mindestlohn bezahlt werden. Da dies vielen Firmen zu teuer ist, greifen sie meistens auf Studierende zurück, die auch unbezahlte Praktika annehmen können.

Für Geisteswissenschaftler mit wenig Berufserfahrung könnte noch der Eingliederungszuschuss interessant sein. Dieser wird meist nach etwa einem Jahr Arbeitslosigkeit von Sachbearbeitern angeboten. Den Zuschuss müssen Arbeitgeber vor Einstellung bei der Arbeitsagentur beantragen, die ihnen dann einen Teil der Lohnkosten zurückerstattet. Dabei kann für höchstens 12 Monate bis zu 50 Prozent des Gehalts geltend gemacht werden. Weiterhin beinhaltet dies die Verpflichtung euch für den gleichen Zeitraum wie die Förderdauer weiter zu beschäftigen. Einen Flyer mit allen wichtigen Infos für Arbeitgeber gibt es bei der Arbeitsagentur oder hier.

Wer sich neben der Arbeitslosigkeit weiterbilden und Zusatzqualifikationen erlangen möchte, dem sind Volkshochschulkurse zu empfehlen, auch diese werden meist vom Amt übernommen.

Die Antwort

Auf die Frage „Geisteswissenschaften, ah ja. Und was macht man damit?“ sollte man höchstens als scherzhaften Einstieg mit „Alles und Nichts“, „Taxifahren“ oder „Gegenfrage: Was kann man damit nicht machen?“ antworten. Um gängigen Vorurteilen entgegen zu wirken, sollte man eine kurze Beschreibung parat haben, die keine Fragen offen lässt:

Neben der soliden wissenschaftlichen Ausbildung lernt man in einem geisteswissenschaftlichen Studium drei Dinge: Verstehen, ordnen, erklären. Wir werden zu Spezialisten des Wissensmanagements ausgebildet. Wir lernen, wo man Informationen herbekommt, wie man neues Wissen sortiert und verständlich aufbereitet. Der Schwerpunkt liegt auf der Schulung kommunikativer Fähigkeiten. So können wir im öffentlichen Dienst, in der Kulturwirtschaft, genauso wie im Bildungsbereich – um nur einige Tätigkeitsfelder zu nennen – eingesetzt werden.

Wer sich im Verlauf des Studiums auf besondere Themen oder Methoden spezialisiert hat, kann dies natürlich gerne noch hinzufügen und den Vorschlag weiter ausschmücken.

Wenn du willst, dass das Klischee vom Taxi fahrenden Geisteswissenschaftler endlich ausstirbt, und dass dir Firmen auf Bewerbungen nicht mehr mit „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ antworten, tu etwas dafür. Das Beste daran ist, du musst deinen inneren Kompass dafür nicht umdrehen: Folge ihm noch mehr als vorher. Schreib Texte zu den Themen, die dich interessieren. Alle Unternehmen, die einen Blog führen sind potentielle Arbeitgeber für dich. Jeden Text im Netz, bei dem du dich langweilst, könntest du besser schreiben. Warte nach dem Studium nicht auf Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Wenn du wenig praktische Erfahrungen hast, arbeite ehrenamtlich für gemeinnützige Organisationen. So kannst du Artikel und Nachrichtenbeiträge veröffentlichen, die du als Arbeitsproben für Bewerbungen verlinken kannst. Blog dir die Finger wund. Bleib Zeitreisender, Totengräber oder Kulturnerd. Und nicht vergessen: Du bist nicht allein da draußen.

Anm.d.R.: Beitrag ursprünglich erschienen am 5. August 2015

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