Menge drängt sich in einen U-Bahn-Waggon

Was ich vom Hype um den BVG-Sneaker über Menschen gelernt habe

Junge Männer und Frauen, die im Winter auf der Straße kampieren. Menschenmassen, die sich an die geschlossenen Türen eines Ladens drängen, aber nicht hineingelassen werden. Die Stimmung ist angespannt, bald wird die Polizei eintreffen. Die Bilder erinnern an die Supermarktplünderungen in Venezuela und die vielen Obdachlosen, die auf den Straßen Berlins übernachten müssen.

Aber diese Bilder wurden nicht vor einer Bahnhofsmission aufgenommen und sie werden auch nicht in den Weltnachrichten erscheinen. Denn es geht weder um eine wirtschaftliche Krise in Südamerika, noch um die Armut auf deutschen Großstadtstraßen. Hier geht es um Bilder von Menschen, die einen Schuh wollen.

Richtig gehört: Ein Schuh. Die Hamburger Agentur Jung von Matt und Adidas haben die Sneaker, die als Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel Berlins gelten, für die BVG produziert. Was als Marketing-Gag geplant war, wurde zu einem mittelschweren Hype. Ein Hype, der sich verselbstständigt hat.

Ben und Phillip gehören zu denen, die ein den Kampf um die insgesamt 500 Exemplare gewonnen haben. Beide versuchen gerade, die ergatterten Hype-Latschen auf ebay Kleinanzeigen zu verkaufen. Ben schreibt, dass er dreieinhalb Tage bei Eis, Regen und Schnee vor einem der Stores gecampt habe. Solche sogenannten „Campouts“ sind dort nichts Außergewöhnliches – nur die Anzahl der wartenden Menschen.

Sein Preis für die Sneaker? „Macht mir Angebote :-)“. Phillip hat sich gleich sechs Paar gekauft und will 1.000 Euro jedes davon – natürlich verhandelbar. Beide haben die Odyssee auf sich genommen, um Big Money zu machen. Eine Jahreskarte für die Öffies kostet 761 Euro. Die Schuhe nur 180 Euro – ein absolutes Schnäppchen.

Aber spulen wir die Geschichte nochmal ein paar Stunden zurück und werfen wir einen Blick auf die Situation vor dem Adidas-Laden am Hackeschen Markt. Vor dem hatten sich am Dienstagvormittag etwa hundert Menschen versammelt. Also genauso viele wie bei einer ganz normalen Wohnungsbesichtigung in Neukölln, nur dass diese auch hineingelassen werden. Die Türen des Ladens dagegen blieben geschlossen, obwohl dieser eigentlich um 11 Uhr öffnen sollte.

Wir haben hier also zwei Situationen, die sich sehr ähnlich sind. In beiden Fällen haben wir es mit Menschen zu tun, die die unterschiedlichsten Motivationen haben. Da gibt es die rationalen Gewinnmaximierer wie Ben und Phillip, die die Schuhe ein Vielfaches des Kaufpreises weiterverkaufen wollen. Da ist der emotionale Sammler und BVG-Azubi Nico, der seinen Arbeitgeber schon seit Kindertagen verehrt.

Aber da ist auch die Mutter, die für ihren Sohn ansteht, damit dieser nicht die Schule schwänzt, und eine Schülerin, die das Ticket will und die Sneaker cool findet- und deren Mutter ihr das Schuleschwänzen erlaubt hat.

Und es gibt die zwei Männer aus Warschau, die mit den Sneakern stolz durch ihre Heimatstadt laufen wollen. Egal ob sie seit dem Wochenende und erst seit Dienstagvormittag warteten, verband sie alle ein einziges Ziel.

Kommen wir zu dem Punkt, der beide Situationen unterscheidet. Für die, die seit Donnerstag und dem Wochenende vor dem Laden warteten war das Ziel weiter entfernt. Sie mussten sich organisieren. Damit sich der hohe Aufwand des tagelangen Wartens in der Kälte lohnte und kein Chaos am Verkaufstag entstand, brauchten sie alle die Sicherheit eines klar bestimmten Platzes in einer Reihenfolge.

Diese Reihenfolge wurde von Steven Fischer hergestellt – der erste in der Schlange. Er sicherte sich seinen ersten Platz, indem er eine Funktion erfüllte, die im Interesse aller Einzelnen war: er setzte eine Liste aller Wartenden auf und aktualisierte diese ständig. Die Reihenfolge gab allen die Sicherheit, ihr Ziel zu erreichen.

Die zweite Situation begann am Dienstagmorgen um fünf Uhr mit dem ersten, der an diesem Tag ankam. Für ihn und die über hundert Menschen, die in den nächsten Stunden kommen würden, war das Ziel viel näher. Sie sahen nicht den Sinn darin, sich zu organisieren, weil die Zeit bis zur Ladenöffnung viel kürzer und der Aufwand des Wartens geringer war. Darf ich vorstellen: der unorganisierte Mob.

Viele werden diesen kleinen fiesen Mob von U-Bahnhöfen kennen. Er kommt immer dann zum Vorschein, wenn zwanzig Leute ungeduldig das Aussteigen der Fahrgäste abwarten, um dann so schnell wie möglich ins Innere des Waggons zu drängen – Hauptsache Sitzplatz.

Oder eine Organisationsstufe höher: Die Warteschlange im Supermarkt. Wenn man an einer Kasse steht und darauf wartet, dass eine neue aufmacht. Die von hinten versuchen immer vorzustürmen. Hier gibt es keine vorher verabredete Reihenfolge – wer zuerst kommt, malt zuerst.

Den eigenen Vorteil zu verfolgen, reicht in solchen Situationen aus, um das eigene Ziel zu erreichen. Aber aus Egoismus kombiniert mit fehlender Organisation entsteht in der Masse schnell Unruhe, die zur Panik werden kann.

Gegen 11 Uhr vor dem Adidas-Laden am Hackeschen Markt gibt es keine Langzeitwartenden der letzten Tage mehr. Die konnten bereits zuvor durch den Hintereingang in den Laden hinein und die BVG-Treter eine Stunde vor Öffnung des Ladens kaufen. Das weiß auch der Mitarbeiter des Ladens, der versucht, den protestierenden Mob zu beruhigen.

Er versucht, allen ruhig zu erklären, dass das Geschäft nicht geöffnet würde, solange so viele Menschen auf dem Bürgersteig stünden. Die Lage spitzt sich zu. „Lassen Sie uns in den Laden! Wer zuerst kommt, malt zuerst!“, versucht es eine Frau, die sich noch ein Paar Schuhe erhofft. Der Türsteher wird immer öfter bei seinen Beruhigungsversuchen unterbrochen.

Die Information von der Liste und dem bereits laufenden Verkauf verbreitet sich nach und nach in der wartenden Menschenmenge. Die Polizei ist vor Ort, um im Notfall zu räumen. Schlussendlich müssen über hundert Menschen frustriert von dannen ziehen.

Fazit

Für die BVG ist der Hype geglückt. Für den Adidas-Laden eher weniger, weil der Ansturm zu groß war. Da niemand verletzt wurde, muss hier nicht mit dem moralischen Zeigefinger in Richtung Marketingabteilung gewedelt werden.

Das Beispiel führt uns aber vor Augen, dass Menschen nicht nur in Notsituationen wie gerade in Venezuela irrational handeln und es zu Massenunruhen kommen kann. Auch wenn es um ein bescheuertes Campout in unserem Kulturkreis geht, ist die menschliche Natur und die damit verbundenen Verhaltensreflexe immer als fieser Puppenspieler dabei und lässt uns dumme Dinge tun, die zu noch dümmeren werden können.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis: Die Schuhe gelten in allen öffentlichen Verkehrsmitteln der BVG als Fahrausweis – nur nicht in der S-Bahn. Da schmunzelt der Berliner.

 

Titelbild von Rafael De Nadai auf Unsplash

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