Germany's Next Topmodel – TV und Tränen

Tränen auf Leder

Für sie endet die Reise hier. Nach acht Wochen bei Germany’s Next Topmodel hat es nicht mehr gereicht – nicht genug „attitude“, keine Kundenaufträge mit der „Sedcard“ bekommen, einfach nicht „edgy“ genug. Die mit Anglizismen geschwängerte Einschätzung der Modelkönigin trifft genau ins Herz der 18-Jährigen. Sie umarmt erst Heidi, dann Michael Michalsky, dann Thomas Hayo, der ihr noch ein paar aufmunternde Worte ins Ohr flüstert, während er sie lange drückt und ihre Tränen auf seine Lederjacke tropfen.

Auch wenn man nur ein paar Folgen des Formats gesehen hat, in denen aus ganz normalen „Mädchen“ Models werden sollen, hat man Sympathien und Abneigungen gegenüber den Kandidatinnen aufgebaut. Denn was man sieht, sind nicht nur Hochglanzbilder von Frauenkörpern – wie in den lang gedehnten Werbepausen – sondern auch die Persönlichkeiten hinter der oberflächlichen Fassade aus Make-up, gequältem Lächeln und dem Resting Bitch Face.

Da kann man es Heidi Klum hoch anrechnen, dass sie das von der Werbebranche geprägte Bild der entmenschlichten Models mit ihrer Sendung zerstört und zeigt, dass schöne junge Frauen zwar schön, aber eben auch nicht ganz helle und unreif sein können, dass sie wie alle Zuschauerinnen auch Augenringe, Pickel und zerzauste Frisuren haben.

Aber nein, man kann es ihr doch nicht hoch anrechnen, denn sie schlägt Kapital aus diesen unfertigen Persönlichkeiten, die in Stresssituationen gebracht werden, in denen sie sich zickig, unreif und dumm verhalten. Denn so bleiben die Zuschauer vor dem Fernseher kleben, weil sie sich – wie im Privatfernsehen üblich – besser als die gezeigten Charaktere fühlen können. Und wer dranbleibt, guckt Werbung und das ist gut für den Sender, Heidis Marktwert und natürlich ihr Konto.

Sie weiß, was sie will und schafft besser als kein anderes deutsches Model, Geld nicht nur mit ihrem Aussehen, sondern auch mit Unterhaltung rund ums Fashion-Business zu machen. Sie ist nach Claudia Schiffer das wohl bekannteste deutsche Model, gleichzeitig Mutter, Unternehmerin und immer gut gelaunt – dafür Respekt.

Umstyling

Aber zurück zu den Tränen. Wer junge Frauen weinen sehen will, der muss nur in die Lieblingsfolge aller GNTM-Fans rein schalten: das Umstyling. Wie in jeder Staffel kullern auch hier die Tränen, wenn sich die „Mädchen“ damit abfinden müssen, dass ihre jahrelang gepflegten Mähnen zu Boden fallen. Da haben es die Stylistinnen und Friseure am Set nicht leicht, denn die spätpubertären Biester versuchen mit Todesblicken, zitternden Unterlippen und Anschuldigungen ihrem Schicksal zu entgehen. Am Ende hilft nur loslassen und heulen, meckern und wieder heulen.

In solchen Situationen sagt man schon mal Dinge, die etwas kindlich oder dumm daher kommen. Wir alle haben mal dumme Momente, machen blöde Sachen, aber die zwei großen Nachteile des Fernsehens für nicht-professionelle Kurzzeitprominente ist: Im TV wird alles aufgezeichnet und das TV vergisst nie.

Einer der schlimmsten Patzer passierte einer der Kandidatinnen direkt nach dem Umstyling, mit dem Kommentar über ihre neue Frisur. Mit dieser sehe sie aus wie eine „Japanesin“. Vielleicht hat sie sich selbst noch berichtigt, wir wissen es nicht, denn für die Cutter war es keine Frage, ob sie den Fauxpas verwenden.

Dumm gelaufen

Dass die angehenden Models von GNTM nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, beweist auch eine andere Kandidatin bei der Wahl zur „Miss Topmodel“, die als Show-Highlight veranstaltet wird. Dafür werden die Kandidatinnen in Zweierteams eingeteilt und jede soll bei ihrer Laudatio etwas Schlechtes über die andere sagen. An diesem Punkt weiß man eigentlich nicht mehr genau, ob Heidi Klum das Modelbusiness selbst aufs Korn nimmt, denn aus eigener Medienerfahrung weiß man, dass zu viel Text bei Schönheitswettbewerben nicht gut ist.

Jedenfalls kann, was hier gesagt wird, nicht als Versprecher durchgehen, denn alle haben sich bewusst auf ihre kleine Diss-Rede vorbereitet. Die Kritik soll die Konkurrentin nun dort treffen, wo es am meisten weh tut: “You can take your body to the gym, but you cannot take your FACE to the gym”. Übersetzt bedeutet das: Dein Gesicht ist hässlich und du kannst nichts dagegen machen. Hätte sie es mal lieber so gesagt.

Dumme Missgeschicke sind bei dieser Miss-Wahl aber auch hinter der Kamera zu finden: Die Schärpen, die die Kandidatinnen bekommen, tragen den Namen ihrer jeweiligen Heimatstadt. Bei jeder Schärpe wurde aber im Nachhinein ein Wort unkenntlich gemacht. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass vor jedem Städtenamen ein “Miss” steht. Da die Kandidatinnen aber nie bei einer Miss-Wahl in diesen Städten den Titel gewonnen haben, darf dieser auch nicht von ihnen getragen werden. Eine Frage für das Markenrecht?  ProSieben zufolge hatte sich einfach nur ein Rechtschreibfehler eingeschlichen.

Und dann blickt man immer wieder in die ratlosen Gesichter der jungen Frauen, wenn sie mal wieder falsch gewalkt sind und Heidi ihnen einen wichtigen Ratschlag gibt: Wenn’s nicht läuft, dann mach’s einfach anders.

Ihren Rat hat sie selbst auch befolgt, um den langsamen Sinkflug der Einschaltquoten 2015 zu stoppen. So wurde unter anderem eine Konkurrenzsituation bei den Juroren eingeführt: Seitdem treten die Kandidatinnen in zwei Juroren-Teams gegeneinander an – der Zickenkrieg wird seit 2016 also noch durch Lagerbildung befeuert.

Man weiß nicht genau, wie ernst es den Juroren selbst dabei ist. Während Michael Michalsky das ganze spielerisch nimmt, zickt Thomas Hayo, bei dem ich mich immer frage, was er eigentlich macht, deftigst herum.

Diversity

So kritisiert er Heidi gern für ihre Entscheidungen, ganz so als würde er denken, er könne wirklich mitreden. Co-Juror Michalsky bekommt sein Fett weg, als dieser der Kritik einer Kandidatin gegenüber einer anderen zustimmt, dass diese nicht authentisch und austauschbar sei. Thomas Hayos Kommentar: “Und das von Mr. Diversity!”

Denn Diversity ist ist in dieser Staffel ein großes Thema: Neben einer Transgender-Kandidatin und drei dunkelhäutigen Kandidatinnen sind diesmal auch Frauen “mit Kurven” dabei – in der Mode-Branche der größte Tabubruch. Für GNTM-Verhältnisse sind diese sogenannten “Curvy Models” ein großer Schritt. Aber auch hier gilt, Heidi ist nicht die Auslöserin eines Trends, der die Branche verändert. In einem Interview sagt sie, sie hätte gern schon vorher “hübsche Mädchen mit tollen Kurven” in ihrer Modelshow gehabt, aber erst jetzt würden diese bei Designern gefragt sein – Diversity also nur als Reaktion auf die wirklich Mächtigen des Fashion-Business.

Die Diversity geht sogar soweit, dass auch immer eine “Verrückte” dabei ist. Das “Verrückte” an der Kandidatin in dieser Staffel ist, dass sie nicht immer nach den Regeln spielt, sondern oft einfach macht, woran sie Spaß hat – verrückt. So gewinnt sie dann auch die Miss-Topmodel-Wahl, weil sie nichts Schlechtes über ihre Konkurrentin sagt. Ihr Gewinn: Sie darf eine Konkurrentin, die die Sendung verlassen soll, wieder rein wählen. Dabei gibt es nochmal Umarmungen und nochmal Tränen.

Fazit

Models haben eine wichtige Rolle in der Werbebranche: Sie verkaufen Produkte besser, als Frauen und Männer, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Aber diese Ideale ändern sich in regelmäßigen Abständen, je nach Gusto der Mode-Designer, die sich mit jeder Kollektion neu erfinden müssen.

Models sind immer nur Projektionsfläche, schöne Masken, hinter denen die Persönlichkeiten der Menschen verschwinden. Wir sollen denken, dass sie nicht nur schön, sondern auch selbstbewusst, klug und clever sind. So werden sie zu Vasen, die wir erst selbst mit positiven Persönlichkeitsmerkmalen füllen und uns dann selbst einreden, dass wir wollen, was sie auf den Postern und den Bildergalerien der zahllosen Produktshops tragen – soweit der unterbewusste Mechanismus.

Die GNTM-Models sind oft junge unerfahrene Vasen, die randvoll mit Tränen gefüllt sind. Und diese sollen rollen, für die Kamera Make-up-Wangen runterkullern, denn sie sind die eigentlichen Stars, wenn Fashion-Business, TV und Thomas Hayos Jacke aufeinandertreffen – die Tränen auf Leder.

Foto von Matthew Henry auf Unsplash

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