Winterlandschaft mit Wanderer

April is the cruellest month

Schneegestöber vor meinem Fenster. Auf und ab tanzen die Flocken, quer über Straßenbahnen und Hausdächer. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen schaue ich eine Weile dem winterlichen Treiben zu. Wieder einmal ist Adventszeit, dieses Jahr schien sie noch schneller gekommen zu sein als sonst. Trotz des Älterwerdens erwacht doch jedes Jahr von neuem diese kindliche Freude in mir, wenn es auf Weihnachten zugeht. Das schummrige Licht draußen, die kalten Tage. Man zieht den dicken Mantel an, stapft mit schweren Stiefeln durch den Schnee und freut sich auf die Tasse warmen Tee zuhause. Und natürlich ist Geschenkezeit. Also mache ich mich auch dieses Jahr wieder auf den Weg in die Geschäfte, um meinen Lieben an Heiligabend eine kleine Freude kredenzen zu können. Feierlich ziehe ich meinen Pelzmantel an, setze die Fellmütze auf, schlüpfe in meine Filzstiefel und streife meine Lederhandschuhe über. Dann binde ich mir noch den dicken Wollschal um und fühle mich geschmückt wie ein Weihnachtsbaum. Meinen Rucksack über die Schulter werfend trete ich aus der Tür und gleite sanft die Treppen hinunter. Vor der Haustür empfängt mich der Winter in voller Pracht mit dicken Schneeflocken vom Himmel und Eiszapfen an den Straßenlaternen. Beschwingt laufe ich den verschneiten Bürgersteig entlang und entschließe mich spontan, am Wegesrand eine kleine Schneemannfamilie zu bauen. Ein paar Kinder laufen vorbei und lachen, als sie mich sehen. Ich winke ihnen zu, sie winken zurück. Nach Vollendung meines kleinen Eiskunstwerks laufe ich weiter zum Buchladen, um dort den Geschenkeeinkauf zu beginnen. Glücklicherweise ist der Andrang gering, also endlich mal ein entspannter Weihnachtseinkauf. Schnell habe ich ein paar Bücher ausgewählt und gehe zur Kasse, um zu bezahlen. Ich wundere mich ein bisschen, als die Verkäuferin mich nicht fragt, ob sie mir das Buch als Geschenk einpacken soll. So konnte ich ja gar nicht „Nein danke, ist nicht notwendig“ sagen. Aber sei es drum, denke ich mir, es ist schließlich auch die Zeit der Nächstenliebe. Also Schwamm drüber. Ich verabschiede mich und wünsche der Verkäuferin „Frohe Weihnachten“, was sie mit einem sarkastischen Lachen quittiert. Dieser Laden wird mir zunehmend suspekt, denke ich und eile zur Tür. Wieder draußen auf der Straße fällt mein Blick auf das Schaufenster. Ein Schild mit einem Hasen, bunten Eiern und der Aufschrift „Frohe Ostern“ brennt sich mit bisher ungekannter Grausamkeit in meine Augäpfel. Jetzt fällt es mir auf einmal wieder ein: Ach ja, es ist ja erst April! Und manchmal schneit es eben auch im April. April ist wirklich der grausamste Monat.

Foto von Markus Spiske freeforcommercialuse.net von Pexels

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