10 Jahre A Design for Life

10 Jahre A Design for Life

„Lass mal auf den anderen Floor gehen“, höre ich einen Typen neben mir zu seiner Freundin sagen. „Warte, lass mal noch den nächsten Song abwarten“, antwortet sie. Ich blicke zum DJ-Pult und sehe, wie Dirk gespannt in die Menge blickt. Eric legt eine CD ein und macht sich bereit für den Übergang zum nächsten Song. Seit zehn Jahren bringen die beiden als A Design for Life Indie-Fans zum Tanzen. Sie wissen, was sie tun, aber in diesen Momenten entscheiden nicht sie, sondern das Publikum.

Nachdem Chvrches wie Musik gewordenes Konfetti auf den Main Floor des Rosis herunterregnet, holt Eric die tanzende Menge in Bilderbuchs „Bungalow“ hinein und alle grölen mit. Seit ihrem ersten Auftritt im alten Privatclub 2008 sind die beiden ein eingespieltes Team, das sich nicht nur musikalisch versteht, sondern auch menschlich. Für Eric war es damals das erste Mal, dass er an den Reglern stand, die Technik noch neu und mit der Angst im Bauch, dass er die Menge nicht von der Bar auf den Dancefloor bekommt.

Dirk war da schon ein alter Hase im Geschäft. Seinen ersten Auftritt hatte er bereits während seiner Abi-Phase 1998 – in einer Duisburger Eckkneipe namens „Bolleke“. Zusammen mit seinem besten Freund Sascha versuchte er, Fans von Faßbier und Kräuterschnaps mit seiner Liebe für Brit-Pop und die Hamburger Schule anzustecken. Für die Brit-Pop-Welle der 90er war das aber nicht der richtige Hafen, also lichteten die beiden nach der Schule den Anker und machten sich als „Urban Hymns“ und „British Pop Invasion“ in Aachen einen Namen – leider ohne konstanten Erfolg in der dortigen Clubszene. Da war Indie noch eine Nische abseits des Mainstream. 2002 ging Dirk dann zusammen mit seiner CD-Sammlung nach Berlin, aber das DJ-Life ließ er hinter sich.

„Lass mal auf den anderen Floor gehen“, sagt der Typ neben mir schon wieder zu seiner Freundin. Sie rollt mit den Augen und tanzt weiter. Ich gehe zur Bar und treffe Eric mit ein paar Freunden von uns. Er dübelt sich den dritten Shot an diesem Abend rein und ich frage ihn, ob ihn das beim Auflegen beeinträchtigt. „Ich passe schon darauf auf, dass ich es nie übertreibe, aber mit einem kleinen Schwips kommen mir manchmal sogar ganz gute Ideen beim Auflegen“, sagt er. Na wenigstens holt er sich als Nächstes eine Rhabarberschorle. „Nee, die is für Dirk. Die hat das Rosis wahrscheinlich nur wegen ihm im Sortiment“, lacht er und geht wieder zurück hinters DJ-Pult.

Zehn Jahre zuvor hätte Eric wahrscheinlich nicht im Traum an diese Situation gedacht. Damals war auch er noch am Studieren und hörte Oasis, die Beatles und alle „The-Bands“, die er finden konnte, rauf und runter. Da er die Musik aber nicht einfach so stehen lassen konnte, musste er ein paar Texte daneben stellen und schreibt sich seitdem beim Soundmag die Finger wund. Dort lernte er auch Dirk kennen und es menschelte schnell.

„Alleine ist es Arbeit, zu zweit ist es Spaß“

Währenddessen legten einige Redakteure vom Soundmag selbst als DJs auf und stahlen an so einigen Abenden im alten Magnet dem Haupt-Act die Show. Bis 2008, als sie aufhörten und ein Indie-Macht-Vakuum hinterließen, das ausgefüllt werden musste. Die Geburt eines neuen DJ-Teams stand kurz bevor. Dirk fragte Eric und Eric machte mit!

Jetzt brauchte das Kind noch einen Namen und die Manic Street Preachers kamen zu hilfe, mit einem Song über die Suche nach dem Sinn, nach einem Lebenskonzept, nach „A Design for Life“. Von da an bespielten Dirk als „Tracy Jacks“ – nach dem Song von Blur – und Eric als E-Man – weil ein Schulfreund ihn öfter so genannt hat und aus Ermangelung einer besseren Idee – die Indie-Clubs.

„Ich geh mir einen Song wünschen“, sagt der Typ zu seiner Freundin und stellt sich neben das DJ-Pult. Er sagt Eric im Befehlston, dass er Mr. Brightside oder was von Kraftklub  spielen soll und Dirk muss seinen Mandelriegel schnell zur Seite legen, weil ihm ein bisschen Galle hochkommt. Eric weist den Typen in die Schranken und er pöbelt sich in die Menge zurück. Eric weiß, dass es solche Einzelfälle gibt, aber 99 Prozent des Publikums einfach toll sind.

Die Berliner Indie-Club-Szene hat sich in den letzten 10 Jahren sehr verändert. Die Stadt hat an Indie-Flair verloren, seitdem Instanzen wie der Magnet, der Bang Bang Club, der King Kong Club, das Dazzle und Brunnen 70 zumachen mussten und das Kaffee Burger nicht mehr das Kaffee Burger ist. Techno und Elektro haben bis auf ein paar Ausnahmen inzwischen die gesamte Clublandschaft in eine Strobo- und BPM-Hölle verwandelt. Die  Indie-Partyreihen weichen mehr und mehr auch auf andere Städte aus, darunter Leipzig, Hamburg, Köln und Essen.

„Aber warum eigentlich Indie?“, frage ich Dirk und Eric. Dirk hat mit Brit-Pop immer eine starke Melancholie verbunden und die Sehnsucht nach Liebe. Für ihn passte dieses Gefühl einfach, das Lieder wie „How soon is now“ von den Smiths transportieren, einsam im Club zu stehen und darauf zu hoffen, die Eine zu finden. Gleichzeitig muss er aber zugeben: „Heute werden nicht mehr so gute Songs geschrieben, wie in den 90ern.“ Für Eric war Indie die erste große Liebe, in die er dementsprechend viel Zeit und Herzblut investiert hat. Immer auf der Suche nach neuen Bands ist es zu dem Genre geworden, in dem er sich am besten auskennt und deswegen will er auch nur das auflegen. Mit einem träumerischen Blick fügt er hinzu: „Hätte ich zuerst Techno gehört, wäre ich heute wahrscheinlich ein reicher und berühmter Jet-Set-DJ.“

„Ich hol mir noch’n Bier“, lallt der Typ zu seiner Freundin und verzieht sich zur Bar. Sie geht zu Dirk und fragt ihn, welchen Song er gerade gespielt hat, weil sie ihn noch nicht kennt und richtig super findet. Später sagt mir Dirk, dass es für ihn nichts Schöneres gibt als das, weil er genau das wolle: gute Musik an andere weiterzugeben.

Denn das Problem von Indie sei leider, dass es wieder zu der Nische geworden sei, die es mal war. Es kämen einfach nicht genug neue Indie-Bands nach. Die, die wirklich gut sind, weil sie sich vom Mainstream abheben und Musik mit Herz und Seele machen – nicht nur für Geld und die Charts – wollen die beiden mit A Design for Life unterstützen.

Und falls ihr euch je gefragt habt, was das Schwierige am Auflegen ist, es ist genau das: Neue gute Indie-Bands mit unbekannten Songs so gut zwischen bekannten Songs zu verpacken, dass die Leute nicht gleich auf den zweiten Floor rübergehen.

„Wenn die Leute auf einen neuen Song abgehen, den sie vorher noch nicht kannten – einfach toll“

Ob die beiden jemals daran gedacht haben, aufzuhören? Dirk sagt: „Nein, nie! Im Gegenteil, es macht einfach zu viel Spaß zusammen.“ Das sieht Eric genauso: „Ich habe immer noch viel Spaß am Auflegen und solange das so bleibt, mache ich auch weiter.“

Ich stehe auf der Tanzfläche, die immer leerer wird, und frage mich, ob ich auch nach Hause gehen oder mir ein neues Bier holen sollte. Eric packt seine Sachen und macht sich auf den Nachhauseweg, weil er am nächsten Morgen wieder auf der Arbeit sein muss – mein vollster Respekt für diesen Einsatz! Dirk bleibt, bis das Licht angemacht wird – sein Alltag ist voll und ganz auf das Leben in der Nacht eingestellt. Als ich das Rosis verlasse, ist es schon hell und der Typ von vorhin lässt sich von seiner Freundin stützen, als er die Treppen runtertaumelt.

Wer um diese Uhrzeit in den Prenzlauer Berg nach Hause fährt, könnte dort in einer Bäckerei auf Dirk treffen, wie er sich seine regelmäßige Quarktasche nach dem Auflegen holt. Extrem lecker, auch wenn er selbst findet, dass das „extrem unsexy klingt.“ Währenddessen schlummert Eric schon tief und fest und wenn er Glück hat und eine Partynacht auf einen Freitag oder Samstag fällt, dann gönnt er sich nach dem Ausschlafen ein üppiges und ausgiebiges Frühstück zusammen mit seiner Freundin.

Auf ihr 10-jähriges Jubiläum im Rosis – dem „letzten richtigen Indie-Club“ – bereiten sich die beiden seit vier Monaten vor. Und sie haben grandiose Verstärkung mitgebracht: King Kong Kicks, Gold Lions, British.Music.Club, DJ Igelknie, The David Watts Foundation und What Difference Does It Make. Was könnte man an so einem Abend bitteschön besseres vorhaben, als mit den beiden zu feiern? Alle weiteren Infos gibt es hier.

Listomania

Eric

Die perfekte Playlist:

  • Arctic Monkeys – Mardy Bum
  • Bilderbuch – Bungalow
  • alt-J – Breezeblocks
  • The Whitest Boy Alive – Burning
  • Foals – Two Steps, Twice

All-Time-Lieblingsbands:

  • Oasis
  • The Beatles
  • The Streets

DJ-Vorbilder:

John Peel, der verstorbene BBC-Radio-DJ. Ich mochte ihn immer für seine Unabhängigkeit, seine Hingabe, seine ständige Lust auf Neues und dass er trotzdem Fan einer Band sein konnte.

Dirk

Die perfekte Playlist:

  • Blur
  • Chvrches
  • und eine Mischung aus allem, was gut ist:
    • Two Door Cinema Club
    • Phoenix
    • Kakkmaddafakka
  • so viel Neues, wie möglich

All-Time-Lieblingsbands:

  • Blur und Damon Albarn
  • seit 2012: Chvrches

DJ-Vorbilder:

  • Soundmag-DJs: „Die haben nicht nur den üblichen Indie-Mainstream runtergedroschen, das waren richtige Nerds mit Geschmack.“
  • Rojosson
  • Gold Lions
  • Rialto Lounge (Leipzig)
  • „der Typ vom Fernsehen“
  • „Fanklub“ aus Frankfurt/Main

Foto: Frank Johannes

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