Mein erstes Buch

So genau kann ich gar nicht sagen, was mein erstes Buch war, denn ich hatte bereits früh Sachbücher über Dinosaurier und Weltraumkram verschlungen und jede Menge Comics. Es gibt aber zwei erste Bücher, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Das eine las ich zu einem früheren Zeitpunkt, mit ungefähr 12, und es war die pure Qual für mich. Das andere erste Buch begegnete mir später in der Oberstufe und zeigte mir, dass Literatur auch wirklich Spaß machen kann.

„Der Seewolf“ war das erste Buch, das so war, wie ich mir Bücher vorstellte – so richtige Literatur halt. Der Inhalt: Ein Abenteuerroman über einen Schiffbrüchigen, der an Bord eines Robbenfängerschiffes gelangt, das auf dem Weg nach Japan ist. Der Kapitän des Schiffs: ein Tyrann mit sozialdarwinistischen Ansichten, der es seinem neuen Passagier alles andere als einfach macht. Für mich die wichtigste Message des Buchs: Die gesellschaftliche Arbeitsteilung ist absoluter Schwachsinn, denn jeder Mensch sollte alles können.

Wie gesagt, ich hatte nicht wirklich Spaß beim Lesen dieses Buches. Ich wusste nicht genau, warum es mir so schwerfiel, diese für mich neue Form – den Roman – zu lesen. Ich hatte keine Ahnung, ob sich der Schriftsteller etwas dabei gedacht hatte, ob ich mir all die eingeführten Personen merken müsse und ob er wusste, wo das alles hinführen sollte – ich vertraute ihm nicht. Ich glaube, die Geschichte war zu diesem Zeitpunkt auch einfach zu groß und komplex, die zwischenmenschlichen Beziehungen der Besatzungsmitglieder zu wirr und die philosophischen Diskussionen zwischen Kapitän Wolf Larsen und dem unfreiwilligen Passagier Humphrey van Weyden zu komplex.

Mein erstes Buch, das mir wirklich Spaß machte, bekam ich dann im Englisch-Leistungskurs zu lesen: „The Catcher in the Rye“. Der Coming-of-Age-Roman von J.D. Salinger über den 16-jährigen Holden Caulfield, der sich in einfacher Sprache direkt an die Leserschaft wendet und von seiner kleinen dreitägigen Odyssee durch New York erzählt – mit allen pubertären Zweifeln und Ängsten. Offensichtlich hat mich das Buch besser dort abgeholt, wo ich mich gerade selbst befand. Oder anders gesagt: Es hatte alles, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte.

Komischerweise brauchte ich erst dieses englischsprachige Erlebnis, damit mein Interesse für Literatur wirklich geweckt wurde. Ich weiß nicht, ob es einfach der Berliner Lehrplan, oder die treffende Auswahl meiner Englischlehrerin war, aber auch die darauf folgenden Bücher wie „Lord of the Flies“ und „Brave New World“ trafen genau meinen Geschmack. Ein paar Jahre später probierte ich es noch einmal mit dem Seewolf und konnte mehr mit ihm anfangen, so richtig warm bin ich aber nie mit ihm geworden.

Artikelbild: Photo by Oscar Keys on Unsplash (links), Photo by Zach Miles on Unsplash (rechts)

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