Das Traumtagebuch

Bei einem unserer letzten Treffen im Café Morgenrot – wo Roman, Kate Kate und Ich uns regelmäßig treffen – entschieden wir uns, ein Experiment zu wagen: Ein Traumtagebuch.

Dem Namen nach würden wir versuchen, unsere Träume aufzuschreiben, oder das, was uns von ihnen im Gedächtnis blieb. Wer traumlos aufgewacht war, schrieb einfach auf, was ihr oder ihm gerade in den Sinn kam. Bei mir war viel Selbstreflexion dabei, ein paar interessante Traumepisoden und absoluter Nonsens. Hier ein paar Auszüge:

Tag 1

Direkt nach dem Schlafen, noch nichts getrunken, mit trockenem Mund und Schlafsand rund um die Augen: Das ist der Zustand, in dem ich für eine Woche jeden Morgen zehn Minuten lang  geschrieben habe, den Gedanken freien Lauf lassend.

Hier ist, was dabei herausgekommen ist.

Das Schwierige ist für mich immer, anzufangen, einfach drauf los zu schreiben, weil es immer gleich Bedeutung haben sollte, etwas Großes sein muss, etwas mit Plan und Struktur, die zum Erfolg führen. Dann Stopp: Ich fang lieber doch nicht an, denn was, wenn schon der Anfang falsch war und gar nichts Gutes, Großes dabei entstehen kann.

Tag 2

Habe ich geträumt? Ja, ich erinnere mich, dass ich geträumt hatte, ganz schwach, habe den Inhalt noch fast in den Händen, berühre, was passiert ist, noch fast, ganz sanft mit den letzten Enden der Fingerspitzen meiner Konzentrationshand und – nein – alles verloren, nichts mehr da vom Traum. Er ist entschwunden in die weite undurchdringliche Suppe des Unterbewussten, die sich herabgelegt hat in die Tiefsee des Gehirns und den Weg wieder freigemacht für das Bewusstsein  – wieder die Macht übernommen über den Laden – erweckt von Tageslicht, das die Vorhänge von außen hat immer heller werden lassen.

Tag 3

Ein Traum:

Was davor war, weiß ich nicht mehr. Dann greifen sie an, die Krieger auf ihren Wüstenwesen, aber nicht gewappnet für ihn, der sie einfach mit wenigen Fauststößen besiegt. Es sind postapokalyptisch anmutende Roboter auf Wüstentieren. Der letzte von ihnen wittert seine Chance, abzuhauen und eine Bombenwaffe mitzunehmen in den Weltraum, hin zu einem anderen Planeten, den er so beherrschen will. In seiner Sichtblende im Helm spiegelt sich die Powerfaust des Helden, die ihn niederstreckt. Gefahr gebannt. War es der bisher unbekannte Anfang einer großen Geschichte? Aus, vorbei.

Wer ich sein will und wirklich bin, kann ich im Traum nicht beeinflussen, bzw. was mein denkender rationaler Kopf aus den letzten Filmschnipseln des aus dem Traum aufsteigenden Geistes macht. Snooze, Snooze. Nur noch ein bisschen. Ich bin müder als gestern, eine Stunde früher dran. Das Warten auf das Teewasser unerträglich lang. Hab die Langeweile sonst immer weggeschoben in den letzten Jahren, mit einer Zigarette in der Hand oder dem Handy. Tippaditipptipp, Computerhandy beantwortet jede Frage, die du ihm stellst. Pickel auf der Kopfhaut, fettige Haare, fühlen meine Finger.

Tag 5

Hier versuchte ich mal etwas Anderes. Ich nahm mir eine Figur aus dem Roman, an dem ich gerade arbeite. Es ist alles noch in der Anfangsphase und ich bin mir noch nicht sicher, in welchem Schreibstil das ganze geschrieben werden soll.

Hatte der Handywecker geklingelt? Emmi öffnete die Augen. Sie waren etwas verklebt. Zu spät? Verschlafen? Die Uhrzeit auf ihrem Handy sagte, alles war okay. Sie war vor dem Wecker wach geworden. Sie dreht sich um und zog die Decke wieder bis zum Hals, die Beine angezogen. Morgens war es am kuscheligsten in der Koje. Merkwürdige Träume – irgendwas mit einem Mädchen auf einem Borkespielplatz, Schorf am Knie und anderen Kindern mit Luftballons als Köpfen. Ihr Handywecker klingelte. Sie schaltete ihn aus und checkte die ersten Nachrichten. Ein paar Antworten von letzter Nacht. Pia und Lisa hatten geschrieben. Viel wichtiger: Instagram. Neue Kontaktanfrage? Stefan!

„Hey, wie geht’s? Schöner Abend war das. Würde das gern wiederholen mit dir.“

Noch keine Fotos, nur ein Profilbild. 30 Abonnenten. Schöner Abend war das. Würde das gern wiederholen mit dir. Sie drehte sich auf den Rücken und streckte Arme und Beine von sich, sodass Hände und ein Fuß aus der Decke hervorguckten. Ein Lächeln auf den Lippen, ein Biss auf die Unterlippe. Und natürlich Angst, weil ja jeder weiß, wo so etwas hinführte.  

Tag 6

Es hilft einem aber auch, seinen körperlichen Zustand bewusster wahrzunehmen, wenn es ihm schlecht geht, aber auch wenn es ihm richtig gut geht:

Ich wachte auf und fühlte mich anders als sonst, kein Schlafsand an den Lidrändern, keine getrocknete Spucke im Mund oder zähen Mundschleim, keine Probleme beim Atmen oder das Gefühl, dass ich die äußeren Ränder meiner Lungensäcke spüren kann beim Atmen, weil sie leicht entzündet sind durch das viele Rauchen. Kein verspannter Rücken oder Nacken, keine leichten Kopfschmerzen, keine trockene Haut auf den Handrücken.

Schreiben am Morgen – Fazit

Ich bin nicht besonders kreativ am Morgen, die Gedanken fliegen nicht so frei, wie ich es mir erhofft hatte. Vielleicht ich die Technik nicht fürs kreative Schreiben benutzen, sondern wenn ich schon genau weiß, was ich will und brauche. Oder ich erlaube mir einfach, unspektakulären Schwachsinn zu schreiben, mit Worten und Gedanken zu spielen, die nicht „gebraucht“ werden, aber doch ihren Sinn haben. Denn was ich schon gemerkt habe: Es hilft, den Kopf schneller in ganz zu bekommen, Gedanken zu strukturieren und den linken Unterarm- sowie die Handmuskeln zu stärken, denn fast die einzige handschriftliche Tätigkeit ist mittlerweile nur noch die Unterschrift auf dem EC-Gerät an der Supermarktkasse.

Und du kannst eine Menge über dich selbst erfahren.

 

Artikelbild: Photo by xandtor on Unsplash (links), Photo by Engin Akyurt from Pexels (rechts)

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